Hört endlich auf, auf Social Media rumzuhacken!

„Das Deutsche Kinderhilfswerk warnt vor den Gefahren der Streaming-Plattform YouNow“. So hörte ich es morgens im Radio, und eine kurze Google-Suche bestätigt, dass dieses Thema auch in unzähligen weiteren Medien aufgegriffen wurde. Sicherlich möchte ich die dort thematisierten Gefahren für Privatsphäre und Datenschutz nicht herunterspielen, aber mir gefällt die Art und Weise nicht, wie hier wieder pauschalisiert und vereinfacht wird. Wieso wird wieder explizit vor einzelnen Netzwerken gewarnt, anstatt anzuerkennen, dass es Menschen (wenn auch sehr junge) sind, die ihre Daten selbst online stellen?

YouNow ist nicht das personifizierte Böse!

YouNow ist „nur“ eine Livestreaming-Plattform, mithilfe derer man – zugegeben – auch wenig Schmeichelhaftes und vielleicht allzu Privates aus dem eigenen Wohn- oder Kinderzimmer direkt ins Internet streamen kann. Wo aber ist jetzt der Unterschied zu anderen Plattformen und Networks wie Chat-Roulette, Youtube, Google Hangouts (on Air), Facebook, Twitter, Instagram, WhatsApp…..? (Ich könnte noch ewig so weitermachen.)

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YouNow als das personifizierte Böse?

Natürlich unterscheiden sich die einzelnen Tools und Netzwerke in ihren Funktionalitäten: Die einen zeigen Videos live, andere als Aufzeichnung. Bei einigen Netzwerken dreht sich alles um Bilder, andere sind eher textlastig. Manche ermöglichen das Teilen von Inhalten mit nur einem begrenzten Personenkreis, bei anderen sind geteilte Bilder, Videos und Statusupdates öffentlich sichtbar für alle. Viele Netzwerke bieten sogar sehr gute Steuerungsmöglichkeiten dafür an, welche Inhalte für wen sichtbar sein sollen.

Gemeinsam ist all diesen gemeinhin als Social Media bezeichneten Plattformen eines: Sie haben unsere Welt verändert, aber nicht erst Anfang Januar 2015, als YouNow an Popularität gewann. Sie haben verändert, wie wir Nachrichten konsumieren, wer unsere Meinungsbildner sind, wie wir selbst Meinung öffentlich teilen und beeinflussen können, wie wir uns selbst nach außen aktiv positionieren und darstellen können (Stichwort „Selbstvermarktung“) und vieles mehr. All das ist Teil eines viel größeren und allumfassenden Paradigmenwechsels und  hat rein gar nichts mit einer bestimmten Plattform wie  jetzt YouNow zu tun. Wieso also wieder dieses Schwarz-Weiss-Denken?

Social Media sind nur Kanäle, der Mensch am Rechner/Smartphone entscheidet!

All diese Social Media sind nur Kanäle. Zugegeben, es ist heutzutage einfacher denn je, eigene Inhalte zu veröffentlichen, sei es als Text, Video oder Bewegtbild. Dazu muss man nicht einmal programmieren können und auch kein professioneller Videofilmer oder Fotograf sein. Das Smartphone hat jeder stets bei sich und Plattformen wie Youtube, Tumblr, WordPress etc. machen es kinderleicht, eigene Inhalte zu publizieren. Auch sein Publikum findet man heute sehr einfach, und ja, auch Gefahren lauern an jeder Ecke. Aber das ist nicht Schuld von YouNow oder generell die Schuld von Social Media. Social Media sind weder gut noch böse, sie bieten einfach nur Möglichkeiten, die man als denkender Mensch so oder so einsetzen kann! Womit wir dann beim nächsten Punkt wären, – dem eigentlich entscheidenden, wie ich finde:

Vermittelt Euren Kindern Medienkompetenz! Und gesunden Menschenverstand!

Das Internet wird nicht mehr weggehen! Soziale Netzwerke in ihrer jetzigen Form vielleicht, aber dann wird etwas anderes an deren Stelle treten. Fakt ist, dass man Kindern Medienkompetenz vermitteln muss, um sich in dieser Welt zu bewegen, und vorhandene Tools zu ihrem Nutzen einzusetzen. Immer liest man nur von den Gefahren, was ist aber z.B. denn mit Online-Kollaboration für Projektarbeiten in der Schule? Was ist mit dem Erlernen von Informationskompetenz, der Filterung von Informationen und der Beurteilung dessen, was in den Medien glaubwürdig ist und was man besser einmal hinterfragen sollte?

Kindern muss ein Bewusstsein dafür vermittelt werden, was sie (nicht nur online) von sich preisgeben und was lieber nicht. Aber auch das hat wieder nichts mit YouNow oder ganz allgemein Social Media zu tun. Oder sollen Kinder demnächst auch nicht mehr die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen dürfen, weil man dort ihre Gespräche belauschen und private Informationen zum Wohnort etc. abgreifen könnte?

Indem man einzelne Netzwerke oder Tools verteufelt oder gar verbietet, wird man die Kinder nicht schützen. Bringt ihnen lieber bei, wie sie sich selbst schützen können und verantwortungsvoll mit den (nicht mehr ganz so) neuen Möglichkeiten umgehen können! Das ist auch nachhaltiger in einer Welt, in der das nächste böse Social Network oder die nächste böse Smartphone-App schon hinter der nächsten Straßenecke lauern könnte. ;)

 

Bild: freedigitalphotos.net

6 Gedanken zu „Hört endlich auf, auf Social Media rumzuhacken!

  • Das trifft es ziemlich genau. Allerdings ist es (wie so oft auch) deutlich einfacher, die Schuld auf eine Plattform (idealerweise noch aus fernen Ländern) zu schieben, als sie bei einem selbst zu suchen…

  • Schön, dass das Deutsche Kinderhilfswerk hier zitiert wurde…
    Sehr gerne möchte ich jedoch im Namen dieser Organisation das Zitat in den richtigen Kontext rücken.

    In einem Gespräch mit der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) hat der Präsident des Deutschen Kinderhilfswerkes durchaus vor den Gefahren von YouNow gewarnt. Vor den Gefahren. Nicht vor YouNow, nicht vor Social Media. Der Präsident stellt die Position des Deutschen Kinderhilfswerkes wie folgt dar, hier ein echtes Zitat:
    „Neue Internetangebote wie ‚YouNow‘ sind eine Herausforderung für Kinder und Jugendliche, verantwortlich mit ihrer eigenen Privatsphäre, aber auch mit Persönlichkeitsrechten Dritter und Fragen des Urheberrechts umzugehen. Auch wenn diese Art der Nutzung neuerer Medien viele Eltern ratlos macht, sollten Erwachsene bei allen Fragen und Problemen, die solche Angebote aufwerfen, nicht reflexhaft in eine Ablehnungshaltung verfallen. Entscheidend ist die gemeinsame Verantwortung aller Beteiligten, (…)“
    Und schon erkennt man doch: Das ist doch dieselbe Meinung.
    Als Kinderrechtsorganisation engagiert sich das DKHW für die Rechte von Kindern und Jugendlichen. Gerade in diesem Kontext werden digitale Medien und Social Media Kanäle als selbstverständlicher Teil der Alltagskultur von Kindern und Jugendlichen nicht nur respektiert, sondern sogar gefördert.

    „Eltern sollten darauf achten, wie und welche Medienangebote ihre Kinder nutzen. Kinder und Jugendliche müssen frühzeitig bei der Entwicklung von Kompetenzen zur verantwortlichen Nutzung von digitalen Medien unterstützt werden.“, so der Thomas Krüger weiter.

    Aber, und da sind wir bei den Gefahren von YouNow: „So nachhaltig bedeutsam Medienkompetenzen der Nutzer sind – entscheidend wird gleichzeitig auch sein, Anbieter von Internetangeboten insoweit in die Pflicht zu nehmen, dass sie Risiken für Kinder und Jugendliche durch ihre Angebote reduzieren. Dazu gehört einerseits eine transparente und verständliche Darstellung der Funktionen und Nutzungsbedingungen von Angeboten. Nur so können die Risiken eingedämmt werden, die sich bei der Nutzung von YouNow beispielsweise im Bereich der Verletzung von Persönlichkeitsrechten oder der Privatsphäre ergeben. Zudem muss sichergestellt werden, dass für Kinder gefährliche Angebote wie YouNow jüngeren Zielgruppen nicht zugänglich sind. Altersbeschränkungen in Nutzungsbedingungen machen nur Sinn, wenn deren Einhaltung auch nachgeprüft werden kann.“

    Das Deutsche Kinderhilfswerk
    1. spricht sich nicht gegen YouNow oder andere Social Media Kanäle aus.
    2. plädiert und engagiert sich für eine deutliche Stärkung, Transparenz und Einheitlichkeit im Jugendmedienschutz.
    3. fordert eine strukturelle Verankerung von Medienbildung/Medienkompetenzförderung im Rahmen einer zeitgemäßen digitalen Strategie.

    Richtig, YouNow ist nicht das personifizierte Böse. Richtig aber auch, dass es durchaus Gefahren birgt, wenn die Kompetenz fehlt, mit Plattformen wie dieser umzugehen. Es geht hier um den (richtigen) Umgang mit der eigenen Privatsphäre, der Privatsphäre und den Persönlichkeitsrechten Dritter, oder auch dem Urheberrecht.
    Das DKHW fordert nicht mehr, als Kindern und Jugendlichen die dafür notwendige Kompetenz zu vermitteln, initiert Projekte dafür, erstellt Materialien und bietet auch finanzielle Förderung in diesem Bereich.
    Und es fordert den Anbieter auf, Verantwortung zu übernehmen (was er im Übrigen nicht tut, sondern gerade in der aktuellen Debatte alle Vorwürfe von sich weist.)

    Nicht, dass es am Ende heißt, das Deutsche Kinderhilfswerk sei das personifizierte Böse, was Social Media angeht ;)

    Herzliche Grüße
    Luise Schmidt
    Referentin Kultur und Medien
    Deutsches Kinderhilfswerk e.V.
    (und in dieser Funktion übrigens auch für unsere eigenen Social Media Kanäle zuständig… finden wir nämlich gut, dieses Social Media.…)

    • Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar. Das stimmt, unsere Meinungen liegen gar nicht so weit auseinander und mein Artikel richtet sich auch explizit nicht gegen das Deutsche Kinderhilfswerk und seinen Umgang mit Social Media. Vielmehr geht es mir darum, was in der öffentlichen Diskussion dann daraus gemacht wird, exemplarisch ein Facebook-Post mit Link auf den zugrundeliegenden Beitrag. “Datenschützer und Pädagogen sind entsetzt…” https://www.facebook.com/neueoz/posts/783558721697614

      Ich finde, hier wird auch die Aussage von Herrn Krüger verzerrt, der ich ansonsten in großen Teilen beipflichte. Oder ist Herr Krüger tatsächlich “entsetzt”? Ein Symptom von Social Media kann eben auch sein, dass nur eine kurze Aussage wie “Datenschützer und Pädagogen sind entsetzt…” im Bewusstsein hängen bleibt und der ausführliche Inhalt hinter dem Link gar nicht mehr wahrgenommen wird. Diese kurzen Anreißer auf den sonst sehr guten Beitrag enthalten eben immer auch eine Wertung, und ich möchte dafür plädieren, dass diese nicht immer so einseitig oder gar reißerisch ausfällt. Denn wie gesagt ist das manchmal der eine kleine Ausschnitt, der im öffentlichen Bewusstsein hängen bleibt. Und hier geht mir der Tenor leider zu oft Richtung “böse Netzwerke” anstatt in die Richtung “Medienkompetenz stärken”. Das Engagement des Deutschen Kinderhilfswerks, Kindern notwendige Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien zu vermitteln, befürworte ich natürlich, weil es richtig und wichtig ist. Ich denke, das steht außer Frage.

      • Ja, zurecht finden Sie, dass die Aussage verzerrt wird, daher auch mein Drang, das hier benannte Zitat kurz in den richtigen Kontext zu rücken – mitnichten hatte ich Ihren Beitrag übrigens als Kinderhilfswerks-kritisch gelesen.

        Sicherlich wird diese Verzerrung von Social Media stark begünstigt, eine Überschrift – maximal noch mit Teaser – ist schnell zu lesen, scrollt man sich auf seine Facebook-Timeline mal eben durch. Bis der Klick zum Artikel kommt, muss dann schon bissl mehr passieren… Wobei es hier ja auch um das übliche „wer war zuerst da“-Phänomen geht – der User, dem Überschriften für den Überblick reichen, oder der Autor, der die Überschriften reißerischer machen „muss“, damit Leute seine Artikel lesen….
        Aber unabhängig davon ist natürlich das, was die Presse aus einer Pressemitteilung macht, auch lange vor Social Media schon hin und wieder eine Überraschung gewesen…

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